4. Mallnitzer Tage: Greifvogelschutz zwischen Forschung und Praxis
Vier Jahrzehnte nach der erfolgreichen Wiederansiedelung des Bartgeiers im Nationalpark Hohe Tauern standen die 4. Mallnitzer Tage am 20. März ganz im Zeichen aktueller Herausforderungen im alpinen Greifvogelschutz. Unter dem Titel „Greifvögel zwischen Forschung und Praxis“ diskutierten Fachleute aus Wissenschaft, Naturschutz und Wildtiermanagement über neueste Erkenntnisse, praktische Erfahrungen und zukünftige Strategien.
Im Mittelpunkt der Tagung standen Monitoringprogramme, Wildtierpathologie, konkrete Schutzmaßnahmen sowie der Umgang mit illegalen Einwirkungen auf bedrohte Arten. Deutlich wurde dabei: Erfolgreicher Greifvogelschutz erfordert eine enge Verzahnung von Forschung, Management und regionalen Verantwortlichen.
Die Tagung wurde 2019 als gemeinsame Initiative der Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni), des Landes Kärnten und des Nationalpark Hohe Tauern ins Leben gerufen. Diese enge Kooperation zwischen Wissenschaft, öffentlicher Hand und Schutzgebietsmanagement bildet bis heute das Fundament der Veranstaltung.
Mittlerweile haben sich die Mallnitzer Tage als bedeutende Fachplattform für den Austausch zwischen Forschung und Praxis im alpinen Raum etabliert. Sie stärken die institutionelle Zusammenarbeit, fördern den interdisziplinären Dialog und setzen konkrete Impulse für Natur- und Artenschutz im Alpenraum.
40 Jahre Bartgeier-Freilassung: Ein Rückblick auf die Erfolgsgeschichte im Nationalpark Hohe Tauern
„Die erste Freilassung von Bartgeiern, die 1986 im Rauriser Krumltal stattfand, war ein großer Meilenstein, der Jahre intensiver Vorbereitung bedurfte“, unterstrich Hans Frey (Eulen- und Greifvogelstation Haringsee) in seinem einleitenden Vortrag. „Dass sich dieses Projekt so positiv entwickeln würde und der Bartgeierbestand in den Alpen heute derart viele Tiere und Brutpaare umfasst, war zwar unsere Hoffnung – aber wir hätten nicht gewagt, davon zu träumen. Umso wichtiger ist es, die Lage auch weiterhin gut im Blick zu behalten, damit die Bartgeier auch in Zukunft ungestört in den Alpen leben können“, resümierte er.
Monitoring zur langfristigen Sicherung der Erfolge
Im Rahmen eines Fachvortrags gewährte der Mörtschacher Bartgeierexperte Michael Knollseisen spannende Einblicke in die Methodik des jährlich durchgeführten Horstmonitorings. Dabei erläuterte er, wie Brutplätze systematisch erfasst, überwacht und dokumentiert werden, um den Bruterfolg dieser seltenen Greifvogelart langfristig zu sichern. Außerdem informierte der Experte über die Praxis der Markierung von ausgewilderten Vögeln: Diese werden mit individuell erkennbaren Farbmarkierungen an den Flügeln versehen sowie mit Sendern ausgestattet. Damit ermögliche man es, einzelne Tiere eindeutig zu identifizieren, ihre Bewegungen nachzuverfolgen und wichtige Daten zu Überlebensrate, Raumverhalten und Reproduktion zu gewinnen. Für das Monitoring und den langfristigen Erfolg des Wiederansiedelungsprojekts seien diese Maßnahmen zentral, resümierte Knollseisen.
Matthias Lehnert (Projektleiter „Greifvögel“ im Nationalpark Hohe Tauern) präsentierte die Ergebnisse des im Nationalpark Hohe Tauern durchgeführten Bartgeier-Monitorings für den Zeitraum 1986 bis 2025. Im Fokus seines Vortrags standen daher die langfristige Bestandsentwicklung und die Etablierung von Brutpaaren in den Hohen Tauern. Dabei wurde nachvollziehbar, wie sich die Population seit den ersten Wiederansiedlungsprojekten entwickelt hat und welche Revierstrukturen entstanden sind.
Schutzmaßnahmen und Erfolgskontrolle im Bereich bedrohter Greifvogel- und Eulenarten
„Kontinuierliche Schutzmaßnahmen und ein gezieltes Monitoring sind entscheidend für die positive Entwicklung seltener Greifvogel-, Falken- und Eulenarten. Sie ermöglichen es, den Fortpflanzungserfolg verlässlich zu erfassen und zugleich negative Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Nur auf dieser Grundlage können bei Bedarf rechtzeitig Gegenmaßnahmen gesetzt und der derzeit positive Entwicklungstrend dieser bemerkenswerten Arten langfristig gesichert werden“, resümierte Richard Zink (Österreichische Vogelwarte, Konrad-Lorenz-Institut für vergleichende Verhaltensforschung, Vetmeduni) im Rahmen seines Vortrags.
Spannende Einblicke in die Wildtierpathologie
Niklas Vesely (Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Vetmeduni) betonte, dass es sich Wildtiere nicht leisten könnten, Krankheitssymptome offen zu zeigen. Selbst wenn Auffälligkeiten sichtbar werden, ließe sich aus der Distanz meist keine verlässliche Diagnose stellen. Um dennoch fundierte Einblicke in den Gesundheitszustand von Wildpopulationen zu gewinnen, sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Jäger:innen und Nationalparks unerlässlich. Durch gezielte, stichprobenartige Gesundheitsuntersuchungen könne das aktuelle Krankheitsgeschehen erfasst und besser verstanden werden.
Lebensweise von und Gefährdungsszenarien für heimische Greifvögel
Für Gerald Muralt von der Kärntner Jägerschaft zählen Greifvögel zu den faszinierendsten Bewohnern unserer Landschaft und erfüllen eine zentrale Rolle im natürlichen Gleichgewicht. Mit seinem Vortrag schuf er einen kompakten Überblick über heimische Greifvogelarten, ihre Lebensweise und aktuelle Gefährdungslagen. Ebenso wurde die Rolle der Jagd im Kontext ihres Schutzes und Erhalts beleuchtet. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Falknerei, ihrer langen Tradition und ihrer heutigen Bedeutung für einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit Greifvögeln.
wildLIFEcrime: ein interdisziplinäres Projekt gegen illegale Verfolgung
Johannes Hohenegger von BirdLife Österreich nutzte die Mallnitzer Tage, um das grenzüberschreitende LIFE-Projekt gegen Wildtierkriminalität vorzustellen. In seinem Vortrag erläuterte er, wie illegale Nachstellung erkannt werden kann und wie interdisziplinäre Zusammenarbeit die Strafverfolgung unterstützt.
Schadstoffbelastungen und (Blei-)Vergiftungen von Greifvögeln
Die Belastung von Greifvögeln durch Schadstoffe sei weiterhin besorgniserregend, resümierte Oliver Krone (Leibniz Institut für Zoo und Wildtierforschung): „Es ist kaum nachvollziehbar, dass der Einsatz bleihaltiger Munition nach wie vor nicht konsequent eingeschränkt wird – zumal längst gleichwertige, ungiftige Alternativen zur Verfügung stehen“, betonte der Experte.
Nachhaltigkeit, Austausch und Einbindung der nächsten Generation
Martina Marchetti-Deschmann, Vizerektorin für Forschung, Internationales und Nachhaltigkeit der Vetmeduni unterstrich die Bedeutung des Austauschformats: „Die Mallnitzer Tage zeigen jedes Mal aufs Neue, dass das Zusammenspiel von universitärer Wildtierforschung und praktischem Wildtiermanagement ein Gewinn für alle Beteiligten ist – auch und vor allem für die Wildtiere im Nationalpark Hohe Tauern. Das ist gelebter Umweltschutz, das ist gelebte OneHealth.“
Nationalparkdirektorin Barbara Pucker rückte die Bedeutung von Vernetzung und Austausch ebenfalls ins Zentrum: „Als Nationalpark tragen wir Verantwortung für den Schutz sensibler Arten und Lebensräume. Die Mallnitzer Tage sind dabei eine zentrale Plattform, um wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die Praxis zu übertragen und gemeinsam nachhaltige Lösungen zu entwickeln“, resümierte sie.
Johanna Painer-Gigler (Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Vetmeduni): „Das Besondere an dieser Tagung bestand darin, dass auch Raum für unsere kleinen Zuhörer:innen geschaffen wurde und auch Volksschüler:innen aus Mallnitz der Einladung gefolgt sind. Kindern Bereiche der Wildtiermedizin und -ökologie näherbringen zu dürfen, ist immer eine besondere Freude und leistet einen wichtigen Beitrag zur Übermittlung von naturwissenschaftlichem Wissen und Offenheit gegenüber Naturschutz.“